Der Elch und der Tod
alain gfeller, Jounalist, Regisseur, Multimedia, Storytelling 20 Jahre Erfahrung in der Medienbranche
alain gfeller, Journalist, Regisseur, Multimedia, Storytelling 20 Jahre Erfahrung in der Medienbranche, Fernsehen, TV, Radio, Online, Journalismus, Regie, Gestaltung, MAZ, Luzern, Schweizer Radio und Fernsehen SRF, DRS, Tagesschau, 10vor10, Interview, Ton, Musik, Soundtrack, Filmmusik, Dokumentarfilm,
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Der Elch und der Tod

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Die Sonne scheint, ich trinke meinen Morgencafé und schau mir ein paar Tote an. Bezahlt.
Früher konnte ich wegschauen. Heute darf ich nicht mehr. Ich muss sie sogar dokumentieren. Kinderleiche / Schwenk zerbombtes Haus auf weinenden Vater / grosse Blutlache / Hand schaut unter Trümmern hervor…. Das ist Teil meines Jobs. So betrachtet; eine völlig unterbezahlte Arbeit.
Ich arbeite für die Tagesschau am Newsdesk. Ich sichte und dokumentiere alle Bilder, die über den internationalen Austausch auf unsere Server laufen. Ich beliefere die JournalistInnen der Redaktion mit Bildern und gebe Empfehlungen ab, wo die guten Bilder zu finden sind, wer was gesagt hat und versuche Bilder zu besorgen, die den RedaktorInnen helfen, einen guten, fundierten und verständlichen Beitrag zu realisieren.

 

Seit bald 10 Jahren sehe ich tagein tagaus Tote, Verletzte, Obdachlose, Flüchtlinge, Mörder, Henker, Hinrichtungen und Katzen. Ja; zwischen den verstörenden Bildern kommt mal ein süsses Katzensujet aus Frankreich oder ein Elch in einem Supermarkt in Norwegen.

 

Würde es etwas ändern, würden Medien alle Bilder ungefiltert verbreiten? Würde die Gewalt abnehmen? Würde es Kriege verhindern? Würde es unsere Sicht auf Flüchtlinge ändern?

Wäre es besser, die Medien würden nur noch Elche im Supermarkt und Katzensujets zeigen? Wäre das Gemüt der Bevölkerung ausgeglichener, würde es die Gesellschaft zuversichtlicher, friedlicher und glücklicher stimmen? Würden wir andere Religionen mehr respektieren und akzeptieren? Wären wir weniger ängstlich gegenüber dem Fremden? Würden wir dem Anderen etwas gönnen?

 

Egal: Es würden weiterhin Kriege geführt, Menschen getötet, verletzt, begraben und geboren, um zu sterben. Die Minderheit würde weiterhin privilegiert sich die Wampe stopfen und an den Folgen einer Überernährung sterben, die Mehrheit würde weiterhin jämmerlich verrecken. An den Folgen von Unterernährung, Krieg und Umweltverschmutzung oder allem zusammen.

 

Die Verursacher dieses Elends, meist im teuren Anzügen gekleidet, flitzen immer wieder über meinen Bildschirm. Auf roten Teppichen. Beim Cüpli trinken und Kanapee mampfen werden sie dann aber doch eher selten gefilmt. Das wäre dann wohl doch zu pervers.

 

Das Meiste, was ich so den ganzen Tag sehe, wäre zu verhindern. Ja: Auch der Elch im Supermarkt. Eine friedliche Umgebung, Kinder, Freunde, Familie, Arbeit, Freizeit, Vergnügen und Gerechtigkeit bräuchten wir, die Katze und der Elch. Für alle! Auch für den schwedischen, umgebauten, schwarzen, transsexuellen, schwulen Juden mit kommunistischer Gesinnung. Jede, Jeder und Jedes hat eine Daseinsberechtigung.

 

Ein Eindrückliches Beispiel: Auf einem ca. acht Meter hohen Haus mit Flachdach, stehen bewaffnete Männer und ein paar Gefesselte. Die Bewaffneten stossen die noch lebendigen Gefesselten vom Dach. Die Kamera schwenkt runter. Man sieht, wie eine tobende Menge jeden Fallenden feiert. Kleine Kinder sind auch dabei. Wie ihre Väter und Brüder jaulen sie auf, bespucken und treten die Leichen. Ich hoffe es sind Leichen. Da bewegt sich noch einer. Nur ein wenig. Aber er scheint noch zu leben. Es dauert bestimmt nicht mehr lange.

 

Haben die, die unten auf die Fallenden warten, tatsächlich etwas gegen die? Wissen sie, warum sie sich so sehr über ihren Tod freuen? Wären sie anders aufgewachsen, würde ihnen vielleicht ein Gerichtsurteil reichen? 5, 10, 20, 30 Jahre, lebenslänglich. Würde das nicht reichen? Muss „das Böse“ immer sterben? Hast du jemandem schon ernsthaft den Tod gewünscht? Wolltest du wirklich schon, dass jemand stirbt – aus Rache?

 

Es scheint ja in uns zu stecken. Nur selten wird der Bösewicht gefasst und der Justiz übergeben. Nur in TV-Serien. In einem epischen Hollywoodstreifen stirbt der Bösewicht. Wenn die Guten gerecht dargestellt werden, dann ist das Ende so: Der Bösewicht wird verhaftet, wehrt sich, versucht einen Guten zu erschiessen und wird dann von einem Guten erschossen, erschlagen oder der Bösewicht fällt von einer Brücke – egal: Hauptsache, der Bösewicht stirbt. Man wartet also 90 Minuten lang, dass der Bösewicht geschnappt wird – die Gerechtigkeit siegt. In den letzten 5 Minuten stirbt er dann doch. Ist das gerecht? Egal: Liebeskomödien sind furchtbar.

 

Ob auf hochglanzpolierte Hollywood-Inszenierungen oder die dreckige Wirklichkeit: alles Fake!

Wir wissen ja: Die Medien lügen und manipulieren uns. Alles alles Fake. Darum werde ich auch heute Nacht gut schlafen. Denn alles, was ich gesehen habe, ist nicht die Wirklichkeit. Ausser der Elch im Supermarkt.

 

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