Der Affe mit dem Spiegel - Interview mit einem Flüchtling
alain gfeller, Jounalist, Regisseur, Multimedia, Storytelling 20 Jahre Erfahrung in der Medienbranche
alain gfeller, Journalist, Regisseur, Multimedia, Storytelling 20 Jahre Erfahrung in der Medienbranche, Fernsehen, TV, Radio, Online, Journalismus, Regie, Gestaltung, MAZ, Luzern, Schweizer Radio und Fernsehen SRF, DRS, Tagesschau, 10vor10, Interview, Ton, Musik, Soundtrack, Filmmusik, Dokumentarfilm,
52062
page-template-default,page,page-id-52062,edgt-core-1.2,woocommerce-no-js,ajax_fade,page_not_loaded,,vigor-ver-1.12, vertical_menu_with_scroll,smooth_scroll,wpb-js-composer js-comp-ver-6.4.1,vc_responsive

¤

Der Affe mit dem Spiegel

Wir berichten täglich über sie, lassen sie aber kaum zu Wort kommen: die jungen Männer aus Schwarzafrika. Ich treffe mich mit Baschi***. Er kommt aus Burkina Faso. Er sagt, seine Flucht habe drei Jahre gedauert. Es sei die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen. Seine Angst und seine Gefühle habe er fast nie mit seiner zurückgebliebenen Familie teilen können. Er hätte seine Familie manchmal über sechs Montag (lang) nicht kontaktieren können.Das wird aber nicht die Geschichte. Nein: Ich will mehr über mich selbst erfahren. 

Name geändert
Name geändert
Du willst nicht mit deinem echten Namen erscheinen. Wie soll ich dich nennen?

Max. Oder Kurt (lacht), nein nein: Baschi. Baschi. Das klingt doch gut.

Ist das eine Anlehnung an den Basler Polizeidirektor Baschi Dürr?

Sag nichts über die Polizei! Nein: der Sänger!

Fucking Beautiful Baschi oder den anderen Baschi?

(Lacht) Fucking Beautiful! Nenn mich so.

Kennst du den?

Ich weiss nicht, wie seine Band heisst.

Ist er bekannt?

Ja, ja. Ein Star.

Dann meinst du den anderen Baschi.

Ich nenne dich Baschi. Ist einfacher als Fucking Beautiful. Ok?

Ja, Baschi (sagt er mit gespielter ernster Miene und tiefer Stimme). Baaaschi. (lacht)

Als PDF öffnen

Ich: Du hast eine sehr lange Flucht hinter dir. Nun bist du da. Wie sind wir so?
Baschi: Ihr seid Diktatoren!

Ach komm; Du hast ein totalitäres Regime selbst erlebt. Sind wir so schlimm?
Bei uns weiss man, was man hat und was man nicht hat. Bei euch scheint es nur so.

Was scheint nur so?

Ihr tut so (lacht) als ob ihr selbst entscheiden dürftet.

Wer entscheidet denn bei uns?

Das Geld (lacht und reibt sich den Zeigefinger an den Daumen)

Wer ist „das Geld“?

Die Mächtigen. Die Demokratie des Geldes.

Du musst schon etwas präziser sein.

Ist gut. Du weisst nicht, was eine Diktatur ist. Ihr seid eine Diktatur. Punkt.

War Thomas Sankara kein Diktator?

Mehr zu Thomas Sankara
Thomas Sankara

*Thomas Sankara (ausführlich hier oder via Hauptmenü) war von 1983 bis 1987 Präsident von Obervolta, dem heutigen Burkina Faso. Er kam nach längerer Instabilität im Land durch einen Putsch an die Macht. Es war eine sozialistische Revolution, die einige Folgen des Kolonialismus bekämpfte. 1984 benannte Sankara Obervolta in Burkina Faso um. Damit schloss er auch dieses Kapitel der Kolonialherrschaft ab. Sankara warb um die Besserstellung der Frauen und ging mit gutem Beispiel voran und nahm Frauen in seine Regierung auf – was in Afrika einmalig war. Auch die Beschneidung von Mädchen verbot er. An bestimmten Tagen durften Frauen auf dem Markt nicht einkaufen. So zwang Sankara die Männer die Einkäufe zu erledigen.

 

Sankara wollte, dass seine Revolution von allen getragen wird. Sie sollte niemanden ausschliessen. Beim Bau staatlicher Einrichtungen wurden Sankara-Gegner zu Baustellenchefs ernannt. Damit erhielten sie die Chance, sich zu beweisen und von den Sankara-Befürwortern im Dorf akzeptiert und respektiert zu werden.

Sankara bestand auf politische Bildung jedes Soldaten. „(…) ein Soldat, der Befehle ausübt ohne zu wissen wer davon profitiert, wird zum Kriminellen der Terror verbreitet. (…)“

Mit Hilfe des Militärs führte Blaise Compaoré 1987 einen Staatsstreich durch. Dabei wurde Thomas Sankara erschossen bzw. ermordet. Bis heute ist sein Tod nicht offiziell geklärt. Blaise Compaoré regierte Burkina Faso von 1987 bis 2014


Was?! Ich sage dir mal was, mein teurer Freund: Sankara war der Retter unserer Zukunft. Er hat uns vor Hunger bewahrt. Er hat der ganzen Welt gezeigt, dass ein afrikanisches Land eigenständig sein kann. Er hat die Besetzer vertrieben. Er hat den französischen Präsidenten öffentlich beleidigt und bloss gestellt. Ich verdanke Sankara mein Leben.

 

Wie meinst du das? Du bist lange nach seinem Tod geboren.
Meine hoch verehrten Eltern – meine Mutter, die Göttin aller Geschöpfe, mein Vater – möge er den Frieden gefunden haben – ohne sie wäre ich nicht da.

Sie wären ohne Thomas Sankara gestorben?

Ja. Hunger, Seuchen, Krankheiten und die Weissen. Weisst du was passierte, wenn eine Frau ein Kind bekam, das nicht ganz schwarz war? Weisst du, wieviele Frauen gestorben sind, weil sie ein Kind wegmachen wollten?

Du sprichst von Abtreibung nach einer Vergewaltig? Schwarze Frauen, weisse Männer?

Ja. Weisst du wieviele deiner Brüder meine Schwestern vergewaltig haben?

Es sind nicht meine Brüder. Ich weiss es nicht. Sag es mir.

Viele. (Er schaut auf den Boden und schweigt einen Moment) Viele. (Er zieht seine Brille ab und legt sie auf den Tisch)

Du trägst die gleiche Brille wie Patrice Lumumba trug. Ein Zufall?

Mehr zu Patrice Lumumba
Patrice Lumumba

© D'Lynn Waldron

© D’Lynn Waldron

 

**Patrice Lumumba war die Ikone der Unabhängigkeitsbewegung im Belgisch Kongo. Von Juni bis September 1960 war er der erste Premierminister der unabhängigen „Freie(N) Republik Kongo“, der heutigen Demokratische Republik Kongo. Die belgischen Kolonialherren wollen eine lenkbare Regierung um ihren Macht zu erhalten. Sie verhinderten zwar Lumumba als Präsidenten, aber konnten ihn als Premierminister nicht verhindern.

Die Belgier versuchte mit Hilfe verschiedener Kräfte im Land und der USA, von der ersten Stunde an, Lumumba zu isolieren. Das Land verfiel in Chaos. Im September 1960 wurde Lumumba unter Hausarrest gestellt. Bald gelang im die Flucht. Das Exil, von wo aus er einen Widerstand organisieren wollte, erreichte er nicht. Er wurde mit einigen seiner Anhängern geschnappt.

Lumumba wurde am 17. Januar 1961 ermordet, zerschnitten und verbrannt. So wollten seine Gegner, nicht zuletzt Mobutu, eine Pilgerstätte verhindern.


Lumumba war ein guter Mann. Aber er war schwach. Thomas war ein Soldat. Ein stolzer Soldat.

Burkina Faso heisst soviel wie stolze Bevölkerung. Bist du ein stolzer Burkinabè?
Stoltz? Ja klar! Ich bin stolz! Ich bin ein stolzer Mann. Wie mein Vater. Er war ein stolzer Mann. (Bashi denkt nach, zieht seine Brille wieder an, nimmt eine gerade Körperhaltung ein und fährt fort.) Mit Würde. Bis zu seinem letzten Tag – ich schwöre.

Wie ist er gestorben?
In Friede. Mit Klarheit. Mit den Geistern meiner Vorfahren.

Warum ist er gestorben?
Er war ein alter Mann. Aber ein stolzer Mann. Alle haben ihn respektiert.
War er etwas Besonderes da wo du herkommst?
Was meinst du?

Hatte er z.B. – wir würden es ein „Amt“ nennen?
Nein. Er schickte uns in die Schule. Er hat Geld gespart. Viel Geld. Aber alles ehrlich, mein Freund, alles ehrlich.
Was heisst das „ehrlich“?
Er hat gearbeitet. Viel und hart – Vorarbeiter auf dem Acker. Aber mit Stolz. Nie mit den Weissen unter einer Decke – weisst du – er wurde respektiert.

Stolz ist dir sehr wichtig. Bist du ein stolzer Mann?
(Lacht) Es ist traurig, weisst du. Im Herzen, weisst du – da, genau da, (legt seine Hand auf seine Brust) da bin ich stolz. Aber bei euch: Was nützt mir die Schule, die mein Vater – möge er den Frieden gefunden haben – uns bezahlt hat? Ich durfte nie arbeiten. Immer nur in die Schule. Weisst du, ich hätte etwas werden können. Es ist traurig. Ihr, ihr glaubt ich sei bloss ein dummer Affe. Aber weisst du mein Freund: Ich bin intelligent, ich bin gebildet, ich kann mehrere Sprachen, ich weiss, was auf der Welt geschieht. Wusstest du, dass im Zoo Schwarze gezeigt wurden?

Wenn ich mich nicht irre bis Mitte der 30er Jahre – Ja. Machst du mich oder meine Regierung dafür verantwortlich?
Ihr habt uns in Käfige eingesperrt, geschaut und gelacht! Das soll ich euch verzeihen?

Kannst du mir verzeihen?
Du kannst ja nichts dafür. Aber so seht ihr uns. Der Affe im Zoo.

Ich führe jetzt aber ein Interview mit einem Menschen. Behandle ich dich schlecht? Oder bin ich respektlos?
Du bist ein guter Mensch. Aber deine Vorfahren (er zieht seine Brille wieder ab), weiss du, das ist ein Schnitt mitten ins Herz. Hat dein Herz schon mal geblutet. Warum wollt ihr uns nicht verstehen. Warum wollt ihr uns vernichten?

Wir wollen euch nicht vernichten. Wir wollen euch ausbeuten.
Ich werde nie Kinder haben – weiss du.

Warum nicht?
Weil ihr es nicht wollt. Darum. Das ist so.

Es gibt kein Verbot für Schwarze, Kinder zu zeugen. Was meinst du mit „wir wollen das nicht“?
Ihr habt Angst.

Wovor?
Vor uns.

Warum?
Weil wir zu viele sind. Weil wir recht haben und weil wir…. (er denkt nach und winkt ab)

Glaubst du, es ist gewinnbringend, mich für die Taten meiner Vorfahren zu verurteilen?
Ich bin, was mein Blut ist. Das Blut in mir sagt mir, wer ich bin.

Wer bist du?
Ich bin ein stolzer Mann. Im Herz – weiss du – da, hier drin. (Baschi zieht sein Brille wieder an und sitzt aufrecht.) Aber ihr wollt mich nicht. Ich kann nicht zeigen, wer ich bin. Ich bin der Affe. Nichts, was ich gelernt habe – weisst du mein Freund – nichts hat Wert hier. Nur EURE Werte bedeuten was.
(Er lacht. Sehr laut, grell und melodiös) Kennst du „Planet der Affen“? (Er lacht weiter und ich auch) „Planet der Affen“!
Hu, hu, ha, ha! (er imitiert einen Affen)

Wünschst du dir sowas wie „Planet der Affen“?
Ihr würdet so blöd kucken. Oh mein Freund. Ich würde dich zu mir nehmen. (Er lacht. Baschi bekommt aber langsam einen ernsten Gesichtsausdruck)
Ja. Ich würde mir das wünschen. Weisst du wieso?

Sag es mir.
Weil wir euch zeigen könnten, dass wir euch nicht brauchen.

Im Film siegen am Schluss die Menschen.
Ja. Mein Freund: Wenn ihr es erleben würdet… (er wird sehr ernst) … ihr würdet uns nicht mehr so behandeln. Ihr würdet uns leben lassen.

Und ihr uns auch?
Klar! Wie im Film. Ich bin kein Mörder. Ich bin kein Rassist. Ich bin ein Humanist.

Gibt es für dich ein „Wir“?
Du und ich?

Schwarz und weiss, gelb, rot und alle Nuancen dazwischen.
Oh, mein Freund. Möge mein Vater die Ruhe haben: Ein weiser Mann war er. Er hat gesagt: Mein Sohn: Nur wenn die Wiese verschiedene Blumen hat, wird sie nächstes Jahr wieder prächtig sein. Nimmst du nur die schönen Blumen für einen Straus, werden nächstes Jahr nur die hässlichen Blumen wachsen. Wenn du die hässlichen weg machst, wirst du nächstes Jahr nur wenige Blumen haben.

Übersetzung
Übersetzung
Das Gespräch hat auf Französisch stattgefunden. Ich habe versucht, dieses Gespräch so verständlich wie möglich zu übersetzten, ohne dabei Baschis blumige Ausdrucksweise ganz zu zerstören.

Ein schönes Sprichwort. Die Geschichte der Menschheit zeigt aber, dass ein Zusammenleben nicht wirklich funktioniert.
Warum? Weisst du warum – mein Freund?

Nein.
Weil wir leiden. Wir haben zu lange gelitten. Und ihr habt Angst. (lacht) Angst vor dem Affen. Komm: Wir machen Frieden. (Er streck mir die Hand hin)

Das habe ich seit der ersten Klasse nicht mehr gemacht.
(Er lacht.) Komm, komm. (Wir schütteln uns die Hand.) Hast du Angst?

Es ist mir leicht peinlich.
Warum? Wir sind Freunde.

Hast du das Gefühl, ich habe etwas gegen dich?
Nein, nein. Ist nicht ernst. Ihr nehmt alles so wörtlich. Lass mal locker, mein Freund. (Lacht und schüttelt sich.)

So; danke für den Fruchtsaft. Er war sehr gut. Ich bleibe nicht gerne zu lange am selben Ort. (Er steht auf, winkt und verschwindet)

0

Your Cart