Thomas Sankara • alain gfeller
alain gfeller, Jounalist, Regisseur, Multimedia, Storytelling 20 Jahre Erfahrung in der Medienbranche
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Der Erschossene, der eines natürlichen Todes starb

30 Jahre nach der Ermordung von Thomas Sankara, dem ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, sind seine revolutionären Ideen im westafrikanischen Land noch immer lebendig.

Die perfekte Revolution hätte es werden sollen. „Unsere Revolution schliesst niemanden aus“, sagte Thomas Sankara. Essen, Trinken und Impfungen für alle, Frauenrechte stärken, Abschaffung der Polygamie, Verhütung, politische Bildung für alle Soldaten, Bau von Sozialwohnungen, Wirtschaftsförderung, Unabhängigkeit von der Ex-Kolonialherrschaft, Unabhängigkeit von den Nachbarländern, Ernährungssouveränität und Kampf gegen Korruption. Zudem machte er die Welt auf das Ausdehnen der Wüste aufmerksam und forderte alle Länder auf, diese Entwicklung zu bekämpfen. Aber vor allem wollte Sankara ein glückliches, stolzes und aufrechtes Volk aufbauen.

 

Visionen hatte Sankara zahlreiche. Und er hat viel erreicht. Sehr viel. In sehr kurzer Zeit. Denn nach vier Jahren an der Macht, am 15. Oktober 1987, starb Sankara im Alter von 37 Jahren, während eines Putschs. Eines natürlichen Todes – versteht sich. So zumindest die offizielle Erklärung. Der Anführer des Putsches und späterer Präsident von Burkina Faso, Blaise Compaoré, liess die Todesursache nicht klären. Es gab verschiedene Geschichten und Versionen. Aber auf Burkina Fasos Strassen sagt man, Blaise Compaoré habe Sankara erschiessen lassen. Compaoré war mit Sankara sehr eng befreundet und besetzte im Sankara-Kabinett verschiede Ministerposten.

Die Familie und sein Freund

Thomas Sankara wurde in eine lokale Chef-Familie geboren. Mutter und Vater gehörten verschiedenen Stämmen an. Er war also aus afrikanischer Sicht ein Mischling und das prägte ihn. Die Eltern wollten, dass ihr Sohn Priester wird. Doch er entschied sich für das Gymnasium und absolvierte anschliessend die Militärschule. Dort war es, wo er Blaise Compaoré kennenlernte.

 

Odile Sankara, Thomas’ Schwester, sagt, die beiden seien wie Brüder gewesen. Sie hätten alles zusammen gemacht und hätten oft gemeinsam im Hause der Sankaras Zeit verbracht. Blaise und Thomas hätten zusammen gegessen, geschlafen und diskutiert. Als Thomas Sankara starb, sagte Vater Sankara laut Odile: «Ich warte bis Blaise zu mir kommt und mir sagt, was passiert ist. Dann werde ich ihm verzeihen. Denn er ist mein Sohn.» Blaise Compaoré habe aber nach dem Tod Sankaras nie mehr das Haus der Sankaras besucht. Die Eltern sind mittlerweile gestorben.

Interview mit Blaise Compaore kurz nach Sankaras Ermordung

mit dem Französischen TV-Sender France 2.

Frage: Warum wurde Sankara so rasch, ohne Familie und Freunde beerdigt?

Die Revolution ohne Privilegien

Bereits Hauptmann (Capitaine) Sankara putschte sich 1983 an die Macht. Mit ihm zog eine sozialistische Revolution durch Obervolta, dem heutigen Burkina Faso. Diese Revolution sollte von allen getragen werden, fand Sankara. Auch von den MinisterInnen. Bald nach Amtsantritt liess Sankara die grossen Mercedes Limousinen der Vorgänger-Minister verkaufen und ersetzte sie durch das kostengünstigste Auto in Burkina Faso – den Renault 5. Ursprünglich wollte er, dass sich zwei MinisterIn jeweils ein Auto teilen. Aus logistischen Gründen erhielt dann aber doch jede Ministerin und jeder Minister einen eigenen Dienstwagen. Sankaras Lohn als Präsident betrug knapp 800 Franken. Das entsprach dem Lohn einer Lehrerin oder jenem eines Arztes. Es gab im damaligen Obervolta nicht nur Armut, sondern auch eine superreiche Elite. Letztere wollte Sankara bekämpfen.

Thomas Sankara sagt, warum man ihn mit einem Importverbot von Champagner stürzen kann.

 Vom Westschweizer Fernsehen RTS (1984)

Nicht nur Thomas Sankara und sein Kabinett sollten ein gutes Vorbild sein. Jede und jeder sollte ein gutes Vorbild sein, auch seine Gegner. Statt sie, wie sonst üblich, einzusperren, zu verfolgen und zu erniedrigen, gab er ihnen die Chance, sich zu beweisen. Beim Bau von beispielsweise Sozialwohnungen, ernannte er seine Kritiker zu Baustellenchefs. Damit erhielten sie die Chance, sich zu beweisen und von Sankara-Befürwortern im Dorf akzeptiert und respektiert zu werden und so selbst Vorbild werden.

Ein Besuch Thomas Sankaras auf einer Baustelle – mit einem seiner Kritiker

 Vom Westschweizer Fernsehen RTS (1984)

«Das Volk leidet mehr als wir (Regierung). Das Leben ist für uns einfach. Einfach; weil wir Löhne haben, weil wir Funktionäre sind (…). Wir müssen schauen, wie die Leute leben. Wenn wir mit dem Volk leben wollen, müssen wir uns anpassen. Und das verlangt von uns Disziplin und Opfer.», so Thomas Sankara in einem Interview sechs Monate nach seiner Machtergreifung.

Viele afrikanische Regierungen fürchteten damals um ihre Privilegien, sollte eine Revolution nach Burkina Fasos Vorbild durch ihr Land ziehen. Und die westlichen Industriestaaten fürchteten sich – und fürchten sich noch heute – vor einem eigenständigen, starken und selbstbewussten Afrika.

Eine gebildete statt gehorsame Armee

Sankaras Ideen zufolge sollte auch die Armee die Revolution mittragen – nicht aus Gehorsam, sondern aus Überzeugung. So sagte Capitaine Sankara in einem Interview: „(…) Ein Soldat, der Befehle vor einer Fahne annimmt und ausübt, ohne zu wissen wer davon profitiert, wird zum qualifizierten Kriminellen, der Terror verbreiten kann. (…)“ Sankara wollte also, dass Soldaten politische Bildung erhalten. Als junger Offizier besuchte Thomas Sankara die Prytanée Militaire du Kadiogo (PMK) und die Académie Militaire d’Antsirabé in Madagaskar. Dort wurden ihm die Lehren von Lenin und Marx beigebracht.

 

In Sankaras Armee sollte keine propagandistische Ideologien-Vermittlung betrieben werden. Den Soldaten wollte er politische Modelle und gesellschaftliche Werte aufzeigen sowie Grundbildung vermitteln. Ob ihm das gelang, lässt sich nicht belegen. Aufgrund seines eigenen Werdegangs sind Zweifel angebracht.

 

Den Armeedienst nutzte Sankara auch, um seinem Ideal von Ernährungssouveränität in Burkina Faso näher zu kommen – was sich darin äusserte, dass Soldaten auch Hühner züchten mussten:

Warum die Armee Hühner züchten musste

 Vom Westschweizer Fernsehen RTS (1984)

Männer müssen Frauenarbeiten erledigen

Die Frau, als eigenständiger Mensch, den es zu respektieren gilt, hatte für Sankara einen hohen Stellenwert. So verbot er beispielsweise die Beschneidung von Mädchen. Sankaras Vision der Burkina-Frau ging aber weiter. Er war der Ansicht, dass Männer die Arbeit ihrer Frauen nur dann wahrlich respektieren und anerkennen können, wenn sie selbst erfahren, was ihre Frauen tagtäglich leisten. Um ihnen das aufzuzeigen, verordnete er beispielsweise, dass Frauen an gewissen Tagen nicht auf den Markt durften, um einzukaufen. So wollte Sankara die Männer zwingen, einkaufen zu gehen, und damit traditionelle Frauenarbeiten zu übernehmen.

 

Burkina Faso hatte als erstes afrikanisches Land Frauen in der Regierung. Damit war das Land auch der Schweiz ein Jahr voraus, welche erst 1984 mit Elisabeth Kopp erstmals eine Frau in der Regierung hatte.

Sankara erklärt, warum die Frau befreit werden muss und warum es so schwer ist

 Vom Westschweizer Fernsehen RTS (1984)

Die eigenständige Wirtschaft Sankaras

Sankara schaffte es, Wasserknappheit zu beheben und Ernährungssouveränität zu erlangen. Die Hand der internationalen Geber war aber trotzdem deutlich spürbar, was Sankara störte. 1984 benannte er Obervolta in Burkina Faso um und schloss damit ein Kapitel der Kolonialherrschaft ab. Zugleich war es eine Botschaft an das Volk. Burkina Faso heisst so viel wie: Das Land der Aufrechten, der Stolzen, der Ehrlichen.

 

Gekonnt inszenierte sich Sankara als ehrlicher Krampfer ohne Starallüren. Er zog durchs Land, packte auf den Baustellen, beim Bäcker und Mechaniker mit an. Und während seinen Besuchen erklärte er der Bevölkerung unter anderem die wirtschaftlichen Konsequenzen von importierter Ware.

Thomas Sankara und die Inlandproduktion

Die ursprüngliche Quelle dieses Videos, ist nicht zu eruieren.

In Obervolta waren die Leute häufig noch Grenzgänger – Gastarbeiter in den Nachbarländern. Sankara wollte sich auch von dieser Abhängigkeit lösen. Und Sankaras Ziel der Unabhängigkeit beschränkte sich nicht auf Burkina Faso: Der ganze afrikanische Kontinent sollte dem Beispiel Burkina Fasos folgen. Alle Staaten sollten sich von den westlichen Geldgebern lösen. Ein Schuldenschnitt wäre dazu notwendig gewesen. Doch in Afrika gab es Diktatoren und Regierungschefs, die, wie Sankara sagte, bequem in ihrem gemachten Nest sitzen. Trotzdem hatte Sankara einige Verbündete auf dem afrikanischen Kontinent. Ghanas Diktator, Jerry Rawlings, und Sankara zum Beispiel vereinbarten den Zusammenschluss Burkina Fasos und Ghana.

 

Der Westen seinerseits versuchte seine Macht in Afrika zu erhalten. Zu wertvoll waren die Rohstoffe, die es zu kontrollieren galt. Ein starkes und unabhängiges Afrika wollten die westlichen Industrieländer verhindern. Und sie tun es heute noch. Diktatoren und Staatschefs wie Mobuto oder eben Blaise Compaoré konnten nur mit Hilfe des Westens an die Macht gelangen oder sich an der Macht halten.

Thomas Sankara über die Rohstoff-Import-Schwierigkeiten

 Vom Westschweizer Fernsehen RTS (1984)

Internationale Hilfe

Sankara verweigerte Nahrungsmittelhilfe. Es sei einfach, die hohle Hand zu machen, sagte er. Mit dieser Haltung sei es aber nicht möglich, einem Teufelskreis zu entkommen: Die Bauern könnten ihre Ware nämlich nicht verkaufen, wenn Nahrungsmittel wegen der Hilfe kostenlos erhältlich seien. «Wer uns helfen will, der soll uns Bagger, Lastwagen, Saatgut oder Schläuche geben. Das ist Nahrungshilfe.» Sankara war der Ansicht, dass sich nicht alle Nichtregierungsorganisationen im Sinne der Bevölkerung in Burkina Faso verhielten. Sankara: «(…) Es gibt solche, die kommen nur hierher, weil sie sich vom grauen europäischen Alltag erholen wollen. (…)» Sankara legte zudem grossen Wert darauf, dass die Hilfe im ganzen Land gerecht verteilt wird. «In anderen Ländern werden 20 Brunnen in einem Dorf gebaut. Weil dort die guten Wähler sind. Im Dorf nebenan hat es aber nicht einen einzigen Brunnen. Weil dort die schlechten Wähler sind. Die Politiker missbrauchen die Hilfsorganisationen. Und diese lassen sich ausnutzen. Und wir verhindern so auch, dass die Politiker den Organisationen vorschreiben, dass sie ihre Cousins, Söhne und Tanten einstellen müssen.»

 

Konsequent war Sankara auch mit den Regierungen. «Ich suche den Imperialismus nicht mit dem Kompass. Als die Russen uns Hilfe anboten, die Bedingungen für uns nicht stimmten, lehnten wir ab. Wir wollen keine Hilfe, wenn sie nur eigennützig ist.» Die Welt war sich nicht gewohnt, dass ein kleines und armes Land Hilfe ablehnt. «Klar, es ist verletzend, wenn einer wie wir die Wahrheit sagt. Die Freunde, die Partner, sie denken wir müssen bedingungslos annehmen. Weil wir klein, weil wir arm sind. (…) wir sind aber stolz. Wir haben Rechte. Alle, die uns dominieren wollen, das sind Imperialisten. Egal woher sie kommen. Nicht mal die Hautfarbe interessiert mich.»

Der Diktator

Oberflächlich versuchte Sankara, jeden einzubeziehen. Opposition unterdrückte er jedoch. Sie müsse zeitweise unterdrückt werden, argumentierte er, damit er eine kompromisslose Revolution durchführen könne, bis sich das Land weit genug entwickelt habe. Als Diktator verstand sich Sankara trotzdem nicht. Je länger er regierte, desto mehr kamen aber autoritäre Züge zum Vorschein. Als 2’000 LehrerInnen für mehr Lohn demonstrierten, entliess er sie. Bei Protesten von Gewerkschaften suspendierte er die Gewerkschaftsführer und ersetzte sie. Später hob er das Streikrecht auf und schliesslich verbot er die Gewerkschaften komplett.

 

Dagegen formierte sich im Land Widerstand und nicht alle nahmen Sankara mehr ernst. So mussten beispielsweise alle Beamten zur Förderung der einheimischen Baumwolle eine Faso Dan’fani tragen (eine spezielle Bekleidung, deren Name so viel heisst wie: Das Gewebe vom Vaterland gewoben) Die Beamten gingen jedoch in einem Anzug gekleidet zur Arbeit und hatten die Faso Dan’Fani in einem Sack dabei – für den Fall einer Kontrolle oder eines Überraschungsbesuchs Sankaras.

 

Nicht nur gegen die Bekleidung der Bevölkerung, auch gegen deren alte Sitten führte Sankara zeitweise einen Kampf. Nicht mit Waffen. Aber mit Worten und Taten. In Burkina Faso sind nämlich seit Urzeiten andere Autoritäten viel einflussreicher als jede offizielle Regierung. Es sind komplexe Gebilde, die nicht im ganzen Land gleich funktionieren. Regionale Könige, die überregionalen Königen unterstellt sind, Dorfchefs, Dorfältestenrat, Land-Könige und religiöse Autoritäten. Sie alle waren, vor allem in ländlichen Regionen, Sankaras härteste Gegner. Ihren Einfluss wollte Sankara mit Volksgerichten, den sogenannten «Tribunaux Populaires» einschränken. Die «Tribunaux Populaires» waren lokale Gerichte, die aus Berufsjuristen und Militärs, mehrheitlich aber aus Vertretern der Zivilbevölkerung bestanden. Diese Gerichte durften urteilen, aber keine Todesstrafen aussprechen.

 

Ein solches Gericht führte auch die Verhandlung gegen den früheren Präsidenten Saye Zerbo. Sie fand in einer Halle vor 3500 Zuschauerinnen und Zuschauern statt und wurde vom Radio live ins ganze Land übertragen. Sankara sah solche öffentlichen Prozesse als Gelegenheit, die Bevölkerung zu politisieren.

«Wir wollen die kleinen Könige nicht»

Sankara versuchte die Macht ständig neu zu verteilen. So wollte er verhindern, dass «kleine Könige» entstehen und ihre Macht ausnutzen. «Korruption muss verschwinden. Die Bevölkerung wird sogar über das Militär bestimmen müssen. Die Bevölkerung muss an die Macht. Sie muss das Land führen». Solange wollte Sankara uneingeschränkt regieren. 1984 löste Capitaine Sankara die Regierung erstmals auf. Per Dekret. Dies liess er per Radio verkünden. Er tat dies in der Folge jedes Jahr von neuem. Sankara: «Dies ist eine pädagogische, revolutionäre Massnahme, die alle daran erinnert, dass sie einen Posten besetzen, um zu dienen. Und jeder muss sich permanent hinterfragen und beweisen.»

 

Mit solchen Aktionen und Aussagen schuf sich Sankara Feinde. Sankara war sich der Bedrohung bewusst. Und so waren die Orte der Ministertreffen geheim. Erst kurz zuvor gab er den Beteiligten Zeit und Ort bekannt. Die MinisterInnen waren stets bewaffnet. Auch er selbst trug jeweils mehrere Waffen auf sich, wechselte dauernd seinen Wohnort und kündigte seine Besuche in der Regel nicht an.

Kurz vor seinem Tod sagte Thomas Sankara in einem Interview: «Da kamen ein paar Leute ganz aufgeregt zu mir und sagten, Blaise bereite einen Coup gegen mich vor. Ich antwortete ihnen: An dem Tag, wo ihr erfahrt, dass Blaise ein Putsch gegen mich plant; gebt euch nicht die Mühe, euch dagegenzustellen oder mich zu warnen. Dann ist es zu spät und nicht mehr abzuwenden. Er (Compaoré) weiss so viel über mich, dass er … Niemand kann mich vor ihm beschützen, wenn er mich angreifen will. Er hat Waffen gegen mich, die ihr nicht kennt. Also; wenn er einen Staatsstreich vorbereitet, muss man wirklich fatalistisch sein. Dann muss man es geschehen lassen. Es ist nicht mehr abzuwenden.» Er könne sich nicht vorstellen, dass ihn sein bester Freund, sein Bruder, stürzen wolle, so Sankara weiter. Als einer seiner treusten Offiziere Sankara bat, Compaoré zu verhaften, habe Sankara geantwortet: «Nein. Die Freundschaft verrät man nicht.» Dass er einmal gestürzt werden würde und wie das geschehen wird, schien ihm klar: In einem seiner letzten Interviews sagte er: «Man wird nicht sagen: Schau; Das ist der ehemalige Präsident von Burkina Faso. Man wird sagen: Schau; das ist das Grab des ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso.»

Burkina Faso heute
SankaraIcon
Thomas Sankara

«Du kannst einen Revolutionären töten. Aber Ideen lassen sich nicht töten.»

Im heutigen Burkina Faso ist Thomas Sankara noch spürbar. Die Aufklärung seines Todes lässt den Geist Sankaras wieder aufleben.

Sankaras Vermächtnis treibt Comparoé aus dem Land

«Unabhängig von der Wirtschaftslage sind die Burkinabès sehr stolze Menschen und stolz auf ihr Land – mehr noch als wir SchweizerInnen.» Das sagt der Burkina Faso Kenner Hansruedi Wittwer. Der Schweizer Pastor lebte von 1978 bis 2003 in Burkina Faso und zog dort seine drei Kinder gross. Sankara habe Spuren hinterlassen, ist Wittwer überzeugt. Zum Beispiel gäbe es in jeder der 45 Provinzen Gruppierungen, die gegen Genitalverstümmelungen von Mädchen und gegen Zwangsheirat kämpften. Beschneidungen sind seit Sankara zwar illegal, finden aber auch heute noch statt. Wittwer sagt, es brauche eben mehr als eine Generation, um dies zu ändern. «Sankara konnte begeistern. Als er nicht mehr da war, fehlte aber das Zugpferd, das Vorbild.»

 

Auf die Kraft des ehemaligen Zugpferdes wollte Blaise Compaoré während seiner 27-jährigen Herrschaft nicht verzichten – obwohl er selbst es war, der Sankara von der Macht beseitigt hatte. So nahm Compaoré einige der früheren Sankara-Ideen auf, auch wenn er nur wenige davon verwirklichte. Und den Slogan «La patrie ou la mort, nous vaincrons!» (Das Vaterland oder der Tod, wir werden siegen!), der Slogan der Sankara-Revolution, benutzte Compaoré bis zum Ende seiner Herrschaft. Compaoré versuchte also, den Schwung, den Geist Sankaras für sich zu nutzen. Die Zugkraft eines Mannes, mit dem er einst Seite an Seite gekämpft hatte und gegen den er danach einen Putsch verübte.

 

Gefährlich blieb Compaoré der einstige Verbündete aber über dessen Tod hinweg. Während Compaorés Herrschaft konnte man nicht offen über Sankara reden. Gefängnis, Folter und soziale Ausgrenzung drohten. Sankaras Familie wurde schikaniert, ihre Häuser durchsucht – Compaoré versuchte, die Ikone zu diffamieren. Gleichzeitig versuchte er, sich aus der Ideen-Kiste der Sankara-Zeit zu bedienen.

 

Sankara sagte einst: «Die gebende Hand, ist die, die dich regiert.» Unter Compaoré gewannen Frankreich und die USA massiv an Einfluss. Patronage und Klientelismus machten sich breit. Notwenige Projekte für die Bevölkerung wurden nicht umgesetzt. Bildung, Gesundheit, Trinkwasser und Ernährungssouveränität wurden zur Nebensache.

 

Die Pläne einer grossflächigen Alphabetisierung wurden unter Compaoré nicht weiterverfolgt. Heute sind rund 70% der Burkinabès Analphabeten. Wittwer sagt, unter Compaoré sei die Solidarität zurückgegangen. Die Jungen, die auf dem Land keine Zukunft sähen, wollten in die Städte. Damit würden sie ihre Familie in eine prekäre Situation bringen. Die Arbeitskräfte für den lebenswichtigen Anbau von Mais, Hirse oder Maniok würden dann fehlen.

 

Die familiäre Solidarität habe auch Nachteile, sagt hingegen Soziologe Martin Engel, der Burkina Faso bereits 1990 besuchte und auch heute noch regelmässig bereist. «Wenn einer Geld hat, hört der andere auf zu arbeiten. Einer hat Geld und kann für beide aufkommen.» Dieses Beispiel sei überzeichnet, zeige aber die problematische Seite der Solidarität. Diese familiäre Solidarität bezeichnete Sankara als «unsere stärkste Waffe». Er machte daraus eine nationale Solidarität. Darauf baute die Sankara-Revolution auf. Diese Solidarität, und da scheinen sich viele einig, ist Sankaras Vermächtnis.

 

Viele Burkinabès haben Sankara nie erlebt und einige Alte haben ihn unter dem Compaoré-Regime entmystifiziert. Aber jede und jeder kennt Geschichten und Anekdoten über Sankara. Mittlerweile berufen sich gar über zehn verschiedene Parteien auf Thomas Sankara. Einig sind sie sich deswegen allerdings dennoch nicht.

 

Was bleibt, ist Sankara – die Ikone. Eine Kiste, aus der sich diverse Bewegungen bedienen. Sankara als Religion oder als Prophet. Jeder interpretiert ihn so, wie es ihm passt. Sankara bleibt ein Geist. Ein wichtiger Geist. Ein starker Geist, der Compaoré schlussendlich aus dem Land vertrieb. Als Compaoré die Verfassung ändern wollte, um sich eine fünfte Amtszeit zu sichern, protestierte die Bevölkerung in Burkina Faso so heftig, dass sich Compaoré dazu gezwungen sah, in die Elfenbeinküste zu fliehen. Dieser Widerstand der Bevölkerung sei Sankaras Vermächtnis, sagt Martin Engel. «Das kollektive Bewusstsein, als Volk oder Einzelperson sein Schicksal in die eigene Hand nehmen zu können, etwas bewirken zu können, Macht zu haben, ist Sankara zu verdanken.»

  • Sankaras Grab wird immer wieder neu gestrichen und wenn nötig, auch repariert.
Mehr als nur ein Grabstein

Im heutigen Burkina Faso ist Sankara also noch präsent, vielerorts wird er gar wie ein Halbgott verehrt. Sein Grab war der Öffentlichkeit aber während vieler Jahre nicht zugänglich und auch sein Tod wurde nicht aufgeklärt. Nach Blaise Compaorés Vertreibung versuchte die Übergangsregierung zwar, die Todesursache Sankaras aufzuklären, stellte die Untersuchung aber nach kurzer Zeit wieder ein. Später gab es weitere Versuche. Geklärt ist Sankaras Ableben 30 Jahre nach seinem Tod aber noch immer nicht.

Einige Burkinabès haben ihn zu seinen Lebzeiten noch erlebt – den grossen Sankara. Andere kannten nie einen anderen Präsidenten als Blaise Compaoré, der als sein Mörder gilt. Nährboden für Mythenbildung. In vielen Stuben und Läden hängen Bilder von Sankara. Auch auf den Strassen trifft man immer wieder auf sein Portrait. Trotzdem ist es nicht einfach, sich ein klares Bild über Sankaras Erbe zu verschaffen. Burkina Faso ist zu heterogen. Die Meinungen zu verschieden. In einer Sache herrscht jedoch Einigkeit: Geblieben ist von Sankara mehr als nur ein Grabstein.

Die Wirtschaft jetzt

Landwirtschaft für den Eigenbedarf; davon lebt rund 90% der Bevölkerung in Burkina Faso. Wichtig für den Export sind Baumwolle und Erdnüsse. Die teilweise prekären klimatischen Bedingungen und der Zerfall des Baumwollpreises erschweren die Situation des Landes. Der grösste Teil der Exporteinnahmen wird mit Gold erzielt. Wie in fast allen afrikanischen Ländern fliesst ein Grossteil des Gewinnes jedoch ins Ausland. In den letzten Jahren wurden viele staatliche Unternehmen privatisiert. Davon konnten auch ausländische Investoren profitieren, nicht aber die Einheimischen bzw. lediglich eine sehr kleine Oberschicht.

Der Export von Baumwolle ist massiv zurückgegangen. Dies ist auf subventionierte Baumwolle von westlichen Industrieländern zurückzuführen. Die Europäische Union (EU) subventioniert auch Lebensmittel wie Milch, Tomaten, Zwiebeln oder sogar Fleisch derart, dass das gleiche Produkt, hergestellt von einem lokalen Bauern, einen viel höheren Preis als das subventionierte Pendant aufweist. Auch Burkina Faso ist davon betroffen.

 

 

Martin Engel sagt, er habe in Burkina Faso nicht die «schreiende Armut» gesehen, die er zum Beispiel in Lateinamerika gesehen habe. «Es ist eine würdevolle Armut. Die Burkinabès sind gut gekleidet, sauber, fröhlich und friedlich.» Das habe, so Engel, unter anderem damit zu tun, dass sie gut in traditionelle, familiäre Strukturen eingebettet seien.

Compaorés Nachfolger, Roch Marc Kaboré, ist keine wirkliche Alternative zu Compaoré. Martin Engel sagt, Kaboré sei einfach rechtzeitig vom Compaoré-Zug abgesprungen, um sich als Alternative wählen zu lassen. Tatsächlich ginge es aber weiter wie unter Compaoré (zwischen Compaoré und Roche Marc Kaboré gab es, von Oktober 2014 bis Dezember 2015, einige Interims-Regierungen.

Stabilität

«Wir haben fünf oder sechs Staatsstreiche erlebt», sagt Hansruedi Wittwer. In den 25 Jahren, während derer er in Burkina Faso lebte, war es nicht immer ruhig. Politisch stabil schon gar nicht. Dennoch herrscht eine gewisse Stabilität. Die in Afrika oft verbreiteten nie endenden Stammeskriege gibt es in Burkina Faso nicht. Auch wenn die Kolonialherren einst willkürliche Grenzen durch den Kontinent zogen – Obervolta eingeschlossen – herrscht heute in dieser Beziehung Friede in Burkina Faso. Das sei, so Wittwer, darauf zurückzuführen, dass nicht eine herrschende Mehrheit eine Minderheit regiert habe. Es seien auch stets Minderheiten in Machtpositionen gewesen. Zudem sind die meisten Stämme in Burkina Faso miteinander verwandt.

 

Der Umgang mit Minderheiten, Andersdenkenden und fremden Kulturen sei bemerkenswert. Martin Engel erzählt: «Einige US-evangelikale Kirchen und radikale muslimische Strömungen versuchten, das friedliche Miteinander der Religionen zu stören. Das hat die Bevölkerung nicht angenommen. Die Leute leben weiterhin friedlich Haustür an Haustür mit Andersgläubigen.»

 

Die politisch instabilen Phasen hatten Auswirkung in den Städten. Auf dem Land war und ist es aber ziemlich egal, wer regiert. Der Staat ist sehr schwach. Die Institutionen haben eine geringe Bedeutung. Martin Engel zitiert einen Freund aus Burkina Faso: «Die Institutionen haben tolle Namen und schöne Stempel, aber vielmehr steckt nicht dahinter.»

 

Der schwache Staat führte dazu, dass sich die Bevölkerung selbst half. Unter Compaoré formierten sich Milizen, die zum Beispiel den Diebstahl von Vieh bekämpfen. Koglweogos nennen sie sich. Sie kontrollieren Viehtransporte und erheben eine Steuer, die Viehtransporteure erhalten dafür einen Passierschein. Sie verfolgen Diebe, richten und bestrafen sie. In den meisten Fällen wird Diebstahl mit einer Geldbusse bestraft. Dies gilt auch für Minderjährige. Es gibt Einzelfälle, wo Leute gefoltert wurden.

 

Die heutige Regierung toleriert die Koglweogos nicht. Mittlerweile geniessen diese Milizen aber grosse Beliebtheit bei der Bevölkerung. Sie haben viele Mitglieder und Anhänger. Die Regierung versucht trotzdem, diese Bewegungen aufzulösen. Die Polizei geht teilweise sehr heftig gegen die Koglweogos und ihre Sympathisanten vor. Doch die Bevölkerung hat kein Vertrauen in die Regierung. Zu schwach sind die Sicherheitskräfte. Zu wenig konsequent wird gegen Diebe vorgegangen. Die Koglweogos hingegen sind präsent und wirkungsvoll. «Die staatlichen Institutionen müssen das Vertrauen der Bevölkerung wieder gewinnen», sagt Bindi Ouoba, ein Abgeordneter, der bei Zwischenfällen den Dialog mit der Bevölkerung sucht.

 

Stabilität erreicht die Regierung, welche auch immer gerade an der Macht ist, zudem mit der Kontrolle der Medien. Da in Burkina Faso der Grossteil der Bevölkerung nicht lesen kann, ist das Radio das bevorzugte Informationsorgan der Regierung.

 

Ein weiteres Problem von Burkina Faso sind seine Nachbarländer. Die Terrororganisationen, die in Mali und der Elfenbeinküste toben, nutzen Burkina Faso als Rückzugsort. Die durchlässigen Grenzen machen es den Terroristen leicht. Und weil sich Burkina Faso als mehr oder minder zuverlässiger Partner zeigt, planen und starten westliche Geheimdienste Operationen gegen die Terrormilizen in den Nachbarländern von Burkina Faso aus. Die Terrororganisation sehen Burkina Faso als Kollaborateur der westlichen Geheimdienste. Deshalb wurde das Land in den letzten Jahren ein beliebtes Ziel von Attentaten und Entführungen.

Wer liegt in Sankaras Grab?

Erst als Blaise Compaoré aus Burkina Faso verjagt wurde, konnte die Aufarbeitung von Sankaras Tod beginnen. Klar ist: In Sankaras Grab liegen die Überreste einer Person, die «von Kugeln durchsiebt wurde.» So der offizielle Bericht. Eine erste DNA-Analyse wurde in Frankreich durchgeführt. Das Labor konnte keine verwertbaren DNA-Überreste feststellen. Nach langem und heftigem Protest der Familie Sankara wurde ein spanisches Labor mit der B-Probe beauftragt. Die Familie unterstellte den Franzosen, sie hätten bloss ihre eigenen Interessen im Fokus. Frankreichs Beteiligung an der Ermordung Sankaras sei offensichtlich. Das spanische Labor bestätigte jedoch das Resultat aus Frankreich.

 

Blaise Compaoré ist heute ivorischer Staatsbürger und wird wohl kaum nach Burkina Faso ausgeliefert. Der vom Volk ersehnte Prozess um den Tod Sankaras wird mit grosser Wahrscheinlichkeit nie stattfinden. Compaoré selbst sagte, er habe nur die Verhaftung Sankaras, nicht aber dessen Tod, angeordnet.

 

Die Aufklärung von Sankaras Tod scheint keine Priorität zu geniessen. Auf die Fragen nach dem Stand der Ermittlungen und ob Burkina Faso einen Auslieferungsantrag für Blaise Compaoré an die Elfenbeinküste gestellt hat, haben weder Burkina Fasos Botschaft in Genf noch diejenige in Berlin geantwortet. Es hiess lediglich «Son Excellence Monsieur l’Ambassadeur» werde die Fragen beantworten, was er in den folgenden Wochen aber nicht tat. Antworten schuldig blieben auch der Generalkonsul in Zürich und das Büro des Premierministers in Burkina Faso selbst.

Bénéwendé Sankara beschreibt die Exhumierung Thomas Sankaras Leiche

Quelle: Droitlibre TV

Und so wird Thomas Sankaras 30. Todestag gedacht, während die Bevölkerung weiterhin im Ungewissen bleibt, wie Thomas Sankara gestorben ist.

Interview mit einem jungen Mann aus Burkina Faso

Stolz ist auch in diesem Interview ein wichtiges Thema. Es war eine zufällige Begegnung. Bei mir hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Der Affe mit dem Spiegel

Dank!

Herzlichen Dank an:

Hansruedi Wittwer

Martin Engel, Song-taaba.org

Claudia Kenan

Daniela Wittwer

Jean Ziegler

Andrea Mäder

Lorenz Buchser

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